Die Shoa im 21. Jahrhundert unterrichten – Seminarreise nach Israel

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Unsere Kollegin, Frau Schröder, berichtet über die Seminarreise nach Israel für Lehrerinnen und Lehrer aus Schleswig-Holstein

Die Shoa im 21. Jahrhundert unterrichten – Erziehung nach Auschwitz“: Unter diesem Schwerpunkt stand die Studienfahrt von 22 Lehrerinnen und Lehrern aus Schleswig-Holstein nach Israel vom 01.-11.04.2017. Seit Mai 2016 besteht eine Kooperation zwischen der Gedenkstätte Yad Vashem und dem Land Schleswig-Holstein. Das vorrangige Ziel ist hierbei die vertiefte fachliche Diskussion der Shoa in der Ausbildung und Fortbildung von Lehrkräften zu fördern. Zielgruppe sind Lehrkräfte aller Schularten, vornehmlich mit den Fächern Geschichte, Weltkunde, Religion, Deutsch, Wirtschaft/Politik und Philosophie.

Nach zwei Vorbereitungsseminaren startete unsere Reise am 01.04.2017 um 5 Uhr morgens am Hamburger Flughafen. Mit einem Zwischenstopp in Wien ging es weiter zum Ben Gurion Airport Tel Aviv und von dort aus mit einem Shuttlebus nach Jerusalem, wo wir den Großteil unserer Reise verbrachten.

IMAG5975Die ersten fünf Tage besuchten wir Yad Vashem. „Und ihnen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen (Yad Vashem) geben … der nicht getilgt werden soll.“ (Jesaja 56,5). Als lebendiges Denkmal des jüdischen Volkes für den Holocaust bewahrt Yad Vashem die Erinnerung an die Vergangenheit und vermittelt ihre Bedeutung an kommende Generationen. Gegründet wurde Yad Vashem im Jahre 1953 als Weltzentrum der Dokumentation des Holocaust, seiner Erforschung und Lehre sowie seines Gedenkens. Heute ist es eine dynamische und lebendige Begegnungsstätte für Menschen aller Generationen und Nationen. Yad Vashem hat sich das Ziel gesetzt, allen im Holocaust ermordeten Menschen einen Namen und ein Gesicht zu geben (vgl. www.yadvashem.org). Es folgten eindrucksvolle Tage voll lebhafter Diskussionen, emotionaler Begegnungen, Perspektivwechsel, Lernzuwachs und Eindrücken.

Das Seminar besteht aus verschiedenen Bausteinen, die aufeinander abgestimmt sind (Tag 1: Remembering the Holocaust in Israel and Yad Vashem, Tag 2: TheIMAG5976 meaning of pre-war Jewish history for teaching the Holocaust/The historical museum in Yad Vashem, Tag 3: Teaching history age-appropriately: various methodological approaches, Tag 4: The impact of individual decisions on the course of history/The Holocaust through the eyes of young Israelis, Tag 5: The aftermath). Inhaltlich erstreckten sich die zahlreichen Discussions, Lectures, Workshops und Guided Tours über eine weite Bandbreite. Wir beschäftigten uns unter anderem mit einer Einführung in das Judentum, der Methodik der Erinnerung an die Shoa in Yad Vashem und Israel, der Geschichte des Antisemitism us und den von Yad Vashem ausgezeichneten Gerechten unter den Völkern. Weiterhin lernten wir verschiedene Biographien von Opfern, Tätern und Gerechten kennen und wir erhielten detaillierte Einblicke in die Irrfahrt der St. Louis anhand authentischer Materialien und Dokumente. Hierbei ging es auch immer wieder um didaktische und methodische Schwerpunkte. Bereichernd war das Entdecken und Ausprobieren der von Yad Vashem entwickelten Unterrichtseinheiten und Materialien für Schülerinnen und Schüler aller Altersklassen.

IMG-20170410-WA0072Besonders eindrucksvoll war die Begegnung mit zwei Holocaust-Überlebenden. Tswi Herschel wurde 1942 in den Niederlanden geboren. Im Alter von vier Monaten vertrauten seine Eltern ihn einem nicht-jüdischen Paar an, in der Hoffnung, dass Tswi der Vernichtung entgehe und gerettet werde. Heute lebt er mit seiner Familie in Israel und unterstützt gemeinsam mit seiner Tochter Institutionen wie Yad Vashem mit Vorträgen. Er ist auch oft an Schulen in Deutschland zu Gast und berichtet dort anhand seines vom Vater entworfenen Lebenskalenders einfühlsam und adressatengerecht über seine Erfahrungen.

Malka Rosenthal kam 1934 in Polen zur Welt. Sie wurde 1,5 Jahre von einer polnischen Familie in einem Fass in einer Scheune versteckt, welches sie nur eine Stunde am Tag verlassen durfte. Sie überlebte den Holocaust und wanderte 1948 nach Israel aus. Gabriele Hannemann hat die wahre Geschichte der kleinen Marisha kindgerecht und emotional ansprechend für die Erstbegegnung mit der Shoa in einem Kinderbuch festgehalten (Marisha – Das Mädchen aus dem Fass).

Der Besuch des Museums in Yad Vashem, ein Spaziergang über das Gelände mit der Allee der Gerechten unter den Völkern (unter anderem wurde hier für Oskar Schindler ein Baum gepflanzt) und vor allem die Halle der Kinder waren sehr traurige und berührende Erfahrungen, die sich kaum in Worte fassen lassen. Der Garten der Gerechten unter den Völkern wurde zur Ehre der Tausenden Menschen errichtet, die ihr Leben aufs Spiel setzten um Juden vor der Vernichtung zu retten. Die Kindergedenkstätte, ein unterirdischer Bau, ist den 1,5 Millionen jüdischen Kindern gewidmet, deren Leben im Holocaust ausgelöscht wurde. Fünf Kerzen werden in der Dunkelheit reflektiert, so dass sich ihr Licht unendlich spiegelt. Namen, Alter und Geburtsort der Kinder werden im Hintergrund vorgelesen.

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Die verbliebene Zeit in Israel stand für Exkursionen zur Verfügung. Natürlich durfte eine geführte Tour durch die Altstadt Jerusalems nicht fehlen, mit Besichtigung des Ölbergs (atemberaubender Blick über Jerusalem), Grabeskirche, Klagemauer und der verschiedenen Stadtviertel. Jerusalem ist die größte Stadt Israels und die Altstadt besteht aus einem bunten Konglomerat aus jüdischem, armenischem, muslimischem und christlichem Viertel. Hier treffen auf engstem Raum die größten monotheistischen Weltreligionen aufeinander und jeder Winkel dieser geschichtsträchtigen Stadt steckt voller Heiligkeit. Ein besonderes Highlight war die Führung durch das ultraorthodoxe Viertel Mea She’arim, ein Ort, an dem man das Gefühl hat, die Zeit sei stehen geblieben. Männer mit Schläfenlocken, schwarzen Hüten und Frauen mit züchtiger Kleidung sind hier allgegenwärtig. Das Studium der Thora stellt den zentralen Lebensmittelpunkt dar.

IMAG6124Wenn man Jerusalem über die Autobahn Richtung Südosten verlässt, ist es nur eine kurze Strecke durch das Westjordanland bis zum Toten Meer und dem Nationalpark Masada. Seit 2001 zählt die archäologische Ausgrabungsstätte zum UNESCO-Weltkulturerbe. Das Plateau von Masada erhebt sich 450 Meter über den Meeresspiegel des Toten Meeres und liegt zwischen den Ausläufern der Judäischen Wüste und dem Ufer des Toten Meeres. Der isolierte Felsblock war die letzte Zufluchtsstätte jüdischer Freiheitskämpfer gegen die römische Armee und symbolisiert den gewaltsamen Untergang Judäas am Ende der Zeit des Zweiten Tempels in Jerusalem. 

Ein weiterer Exkursionstag führte uns nach Givat Haviva. Benannt nach der Widerstandskämpferin Haviva Reik, handelt sich um eine Begegnungsstätte nördlich von Tel Aviv, die sich für jüdisch-arabische Verständigung und Friedenserziehung einsetzt. Von hieraus erfolgte eine Fahrt durch israelische und palästinensische Gebiete entlang der Green Line (Grenze von 1967), unter anderem durch das geteilte Dorf Barta’a.

IMAG6193Den letzten Tag verbrachten wir in Tel Aviv. Diese moderne, lebendige Stadt steht in einem krassen Kontrast zum religiösen, geschichtsträchtigen Jerusalem. Wir lernten die Altstadt von Yafo kennen und spazierten durch die erste jüdische Siedlung Tel Avivs.

Die Dimension des jüdischen Alltags in all seinen Facetten zu erleben ist eine Besonderheit. So gibt es beispielsweise einen Sabbat-Fahrstuhl, der automatisch in jedem Stockwerk hält, da die Bedienung elektronischer Geräte als Arbeit gilt. Die Vorbereitungen auf Pessach (ein hoher jüdischer Feiertag, der an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert) sind von besonderer Wichtigkeit. Es wird im ganzen Haus ein Großputz veranstaltet, so dass kein Krümel übrig bleibt, was dazu führte, dass im Hotel die Kaffeemaschine ausgeschaltet blieb und wir Plastikbesteck benutzten. Die Regale im Supermarkt mit nicht-koscheren Lebensmitteln werden verhängt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es eine beeindruckende Reise war. Ich bin voller Erfahrungen, Eindrücke und Erlebnisse, die meine Perspektive auf die Shoa, den Nahost-Konflikt und das jüdische Leben nachhaltig verändern und beeinflussen werden. Als besonders prägend und bereichernd empfinde ich die zahlreichen Begegnungen mit Israelis, Juden, Palästinensern, Arabern, DozentInnen, KollegInnen und Überlebenden, die Anlass zu vielen Gesprächen, Diskussionen und Reflexionen gaben.

Aktualisiert am 9. Juli 2017
Kategorie Allgemein